Von Michael Tschida, Kulturredakteur der "Kleinen Zeitung" Graz
„Von Kindesbeinen an hatte dieser Händel eine solch ungemeine Lust zur Musik bezeiget, dass sein Vater darüber in Unruhe gerith", schrieb sein Biograph John Mainwaring anno 1760. Der Wundarzt aus Halle wollte nämlich, dass sein Sohn was Ordentliches wie die Juristerei lernt statt "unnützigen Krimskrams". Und als der siebenjährige Georg Friedrich sich auf Geheiß seines Lehrers erstmals an der Orgel versuchte, "klatschten nach dem Gottesdienst auf der Empore Ohrfeigen". Ziemlich vergebens, wie man weiß.
Im Hause Vierlinger in Linz gab es das Wort "Krimskrams" für die Kunst nicht und schon gar kein verdächtiges Klatschen: Es gab das Klavier und die Geige und den Gesang. Sonst würde man jetzt wohl auch nicht eine CD in Händen halten, sondern womöglich eine von Frau Dr. jur. Lydia V. verfasste Verordnung zur Änderung des oberösterreichischen Fischerei-Gesetzes oder dergleichen.
Nein, die Welt der Klänge war immer schon "was Ordentliches", Außerordentliches für Lydia Vierlinger und ihre "ungemeine Lust zur Musik" quasi ein Lebensmittel. Die braucht jedoch eine Aufsicht, eine "Lebensmittelkontrolle", wenn man so will, und diese erfuhr die Altistin mit der Ausbildung zur Solosängerin und Gesangspädagogin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien ebenso wie in Privatstudien bei Herwig Reiter in Wien oder bei der legendären Diane Forlano in London. Dass Vierlinger mittlerweile die Seiten gewechselt und selbst eine a. o. Gesangsprofessur an der Wiener Musikuniversität inne hat, ist nur eine Frucht der Arbeit.
Die anderen Früchte, die die Solistin neben reicher Ensemble-Erfahrung in Wien ("Arnold Schoenberg Chor", "Voces", "Nova") gesammelt hat, sind so bunt wie reif: Hier Bachs "Matthäus-Passion" im Concertgebouw Amsterdam, dort ein Avantgardeprojekt mit dem Jazzsaxophonisten Max Nagl. Hier ein Renaissance-Programm mit den New World Gamben Consort, dort Werner Pirchners raffinierte Bühnenmusik für den Salzburger "Jedermann". Hier "Ein Ausbund schöner teutscher Liedlein" mit dem Clemencic Consort, dort Beethovens "Neunte" mit dem Radio Sinfonie Orchester Madrid. Hier die Welterstaufführung der verschollen geglaubten Telemann-Oper "Pastorelle en musique", dort "Romantische Duette" mit Partnerin Doerthe M. Sandmann. Hier das Eröffnungskonzert zur Kulturhauptstadt 2002 Salamanca mit der Wiener Akademie unter Martin Haselböck, dort die Uraufführung von Hesse-Vertonungen für Alt und Streichquartett von Wolff Dietrich Gasztner. Hier die szenische Rolle der Narcisa in Händels "Agrippina", dort die Uraufführung von Heinz Kratochwils Kirchenoper "Franziskus". Undundund.
Das musikalische Querweltein der Sängerin "mit dem warmen, klaren, farbenprächtigen Alt" (Tageszeitung "Die Presse") baut freilich nicht auf Beliebigkeit, sondern auf künstlerische Neugier, auf offene Augen und Ohren. Vielfalt statt Einfalt also, mit der die Linzerin ihre Eigenständigkeit unterstreicht.
Darum kann die Künstlerin wohl auch ein Zitat eines ihrer Lieblingskomponisten vorbehaltlos unterschreiben, womit wir wieder bei Händel sind. Der sagte nämlich: "Man muss lernen, was zu lernen ist, und dann seinen eigenen Weg gehen". Diese Aufnahme mit der Capella Leopoldina ist ein schöner Zwischenstopp der Altistin. Aber Lydia Vierlinger ist schon wieder unterwegs.